Sensenmuseum «« 3 von 8 »» ADH Müschede

 
 

Sensenhandel und die Sprache der Hausierer

Fast 100 Jahre lang hat die Sensenherstellung unseren Ort und seine Familien geprägt. Inzwischen erinnert in Müschede kaum noch etwas an diese industrielle Tradition und nur noch wenige beherrschen das Handwerk der Sensenherstellung.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurden auf dem Müscheder Sensenhammer regelmäßig bis zu 1000 Sensen pro Tag hergestellt, die auf unterschiedlichste Weise in den Handel kamen. Einen erheblichen Anteil hatten die Sauerländer Sensenhändler und Hausierer. Es gab sie in allen Ortschaften des Hochsauerlandes. Auf dem Winterberger Marktplatz erinnert eine beeindruckende Bronzeplastik an die Sauerländer Wanderhändler.


 
  Wanderhändler

VON BÄUERLICHEM GEBLÜT
FÜR DEN HANDEL GEBOREN
GINGEN WINTERBERGER
IN DIE WEITE WELT
GROSS WAR DIE NOT
UM SIE ZU LINDERN
SETZTEN SIE IHR LEBEN EIN
DAS SOLL IHNEN
NICHT VERGESSEN SEIN

 
 
 



Die Kiepe auf dem Rücken wurde zum Erkennungszeichen des Westfälischen Volkskalenders "De Kiepenkerl" um 1900 (s.u.).
Bildquelle (l. und m.): Frank Kaspar, Thomas Spohn, Unterwegs in Westfahlen, Güth Verlagsgesellschaft / Heckmann Verlag, Rheda-Wiedenbrück 1991 - mit freundl. Genehmigung.

 
 



Ihre Waren bezogen sie von unterschiedlichen Firmen, aus dem Ennepetal, von dem Müscheder Sophienhammer, von der Firma Kuhlmann aus Leverkusen oder sogar aus Östereich. Zu Hause wurden die Sensen durch das Aufkleben von Etiketten mit klangvollen Namen und bunten Bildern "veredelt". Man versprach sich hierdurch bessere Verkaufserfolge.

Die Sensenhändler hatten ihre abgesteckten Verkaufsgebiete z.B. in Bayern, in Oldenburg, im Münsterland, Rheinland, Eifel, Osnabrück, Ostpreußen, Schlesien und auch im Ausland. Die Waren wurden per Bahn vorausgeschickt und dann von den Hausierern an den Mann gebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Auslandshandel zum Erliegen. Aber auch der Hausiererhandel wandelte sich. Das Fahrrad wurde allmählich abgelöst von recht konfortablen Pferdewagen mit Luftbereifung und Lastkraftwagen mit Spezialaufbau. So ausgestattet fuhr man zu den Krammärkten und durch die Dörfer der Geschäftsregionen.



 
 


Bildquelle: Frank Kaspar, Thomas Spohn, Unterwegs in Westfahlen, Güth Verlagsgesellschaft / Heckmann Verlag, Rheda-Wiedenbrück 1991 - mit freundl. Genehmigung.



Die Sensen hatten unterschiedliche Formen, z.B.: "verschiedene Reichsformen", "Elsässer", "Böhmische", "Schlesische", "Aachener", "Münsterländer", je nach Länge, Breite, Rücken und Krümmung. Die Hochrückensense war vor allem für das Flachland geeignet, sie wurde eingesetzt im Rheinland, in Westfalen und und in Norddeutschland. Für Süddeutschland und die Mittelgebirgslandschaften eignete sich die Reichsformsense (s.u.).


 
 



Eine Besonderheit der Händler war die Geheimsprache, "Schlausmen" genannt, die mit dem Jiddischen verwandt war. In ihr waren auch Elemente des Sauerländer Platts, mit den örtlichen z.T. erheblichen Unterschieden eingearbeitet. Der praktische Sinn dieser Sprache war, dass Außenstehende die Gespräche der Handelsleute nicht verfolgen oder verstehen sollten.
Nachstehend ein Beispiel aus dem Buch von Robert Jütte: Sensenhändler unterhalten sich in "Schlausmen", als plötzlich der Pfarrer mit dem Kirchenküster vorbei geht:


 
   
"Nu komm! Awer stäikum, Schäiz! Ment Schlausmen gedibbert! Denn roigel!
Do kümmet de Gallak un de Gauzegallak hiär, dei briuket usem Schmius nitte vernuppen."


In unserer Sprache:

"Aber still, Junge! Nur Schlausmen gesprochen! Denn sieh! dort kommt der Pfarrer und der Halbpfarrer (Küster) her; die brauchen unsere Rede nicht zu verstehen."


 
   
  Bildnachweis: "Kolonne" Stahlwarenhändler aus dem oberen Sauerland
um 1910 aus Peter Höher, Heimat und Fremde, Wanderhändler des oberen Sauerlandes, Münster 1985 - mit freundl. Genehmigung.

 
 
 

Viele Handelsleute sahen ihre Heimat nicht wieder, sie starben in der Fremde und wurden dort begraben. Die Todesursachen blieben oft unerkannt, so dass bei den Familien meistens nur sehr kurze, allgemein formulierte Todesnachrichten eintrafen.

Die Wanderhändler wurden oft in die Nähe von Bettlern und Landstreichern gerückt und standen daher immer unter kritischer Beobachtung staatlicher Stellen. Im 19. Jahrhundert gab es Bestrebungen, den Beruf ganz zu verbieten. Der Grönebacher Seelsorger Konstantin Weber wehrte sich wegen der sozialen Folgen vehement gegen das drohende Verbot. Er gründete 1848 ein "Komitee zur Aufrechterhaltung des Hausiererhandels" übernahm selbst den Vorsitz und verfasste eine Denkschrift mit der er seine Forderungen detailiert untermauerte. Als Nachfolgeorganisation kann der 1911 gegründete Verein der Sensen- und Stahlwarenhändler im Hochsauerland angesehen werden, der bis in die 1930er Jahre existierte.

Durch den Ausbau des Straßen- und Schienennetzes und die Einführung neuer Handels- und Verkaufsstrategien verlor der Wanderhandel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allmählich seine Existensgrundlage.

In den 1970er Jahren verdrängten schließlich Maschinen die mühselige Handarbeit mit der Sense. Die Sensenproduktion wurde in Deutschland weitgehend eingestellt.


Blick in das Hauptbüro des Sophienhammers in Müschede um 1950. Original: Fa. Cronenberg, Müschede.

 
 
Das Verwaltungsgebäude des Sophienhammers im Jahr 1907, vor dem großen Umbau. Im rechten Fenster, Heinrich Cronenberg im Alter von 35 Jahren. Original: Fa. Cronenberg, Müschede.



Textquellen:
- Ewald Stahlschmidt, Wanderhandel und Handelsleute, De Fitterkiste, Band 17, 2008
- Winfried Becker, Bauernlob und Schneideteufel, Jahrbuch Hochsauerlandkreis 1995

- Peter Höher, Heimat und Fremde, Wanderhändler des oberen Sauerlandes, Coppenrath Verlag, Münster, 1985
- freenet-Lexikon; Sauerländer Wanderhändler


 
 
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