Ortsgeschichte ADH Müschede

 

Das Hubertusfest zu Müschede bei Arnsberg.

Im Jahr 1926 sind 100 Jahre vergangen, seitdem die uralte Feier des Hubertusfestes in Müschede ein Ende gefunden hat. Der damalige Pfarrer Lohn in Hüsten, der wegen des ausgelassenen Treibens ein Gegner der Veranstaltung war, hat die Aufhebung bewirkt. An die Stelle trat als neues Volksfest das Schützenfest, das nunmehr alljährlich Anfang Juli gefeiert wird. Ausschlaggebend für die Beseitigung des Hubertusfestes war die Aufhebung der Hubertusbruderschaft - wenigstens in der Form, wie sie seit Jahrhunderten bestanden - und die Verteilung des Vermögens derselben. Bis dahin waren die Vermögen der Kapelle und der Bruderschaft s. Huberti vereinigt, wie überhaupt die weltliche Feier eng zusammen hing mit der kirchlichen. 1826 wurde das Vermögen der Bruderschaft von dem der Kapelle getrennt; die Bruderländer wurden Dienstland der Schule. So war´s mit dem Hubertusfest vorbei und damit verschwand auch der weitbekannte Pfeffertanz von Müschede. Volksbräuche, die eine Reihe von Jahrhunderten im Schwange waren, sind zerstört. Heute, nach 100 Jahren, lebt niemand mehr, der als Teilnehmer darüber erzählen kann. Verlorengegangenes Volksgut!

Und doch hat der Pfarrer Lohn recht getan mit der Beseitigung des Festes. Wenn ein Volksbrauch im Laufe der Jahrhunderte vollständig ausartet und allen ethischen und ästhetischen Forderungen Hohn spricht, so möge man ihn ruhig beseitigen. Wer weiß, ob unser Schützenfest als Volksfest nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten nicht von dem gleichen Schicksal ereilt werden? In vielen Orten sind sie allmählich - man verzeihe den Ausdruck – zu Sauffesten geworden. Nach dem 7-jährigen Kriege, 60 Jahre vor der Aufhebung des Festes, hatte man noch einmal versucht, durch strenge Satzungen, den Übertreibungen beim Hubertusfeste Einhalt zu gebieten, damit das Fest nach uralter Gewohnheit zur größten Ehre Gottes und S. Huberti und zur Erhaltung der brüderlichen Einigkeit begangen werde. Justizrat Seissenschmidt berichtet darüber folgendes*: "Wer die brüderliche Einigkeit störe, es sei durch Worte oder durch Tätlichkeiten, soll nach dem Befund der Sache von dem Pastor zu Hüsten und den sämtlichen Brüdern aus der löblichen Bruderschaft ausgestoßen, oder aber, wo das Vergehen nicht allzu groß sei, mit 3 Pfund Wachs** abgestraft werden. Rücksichtlich der Dauer der Zusammenkunft wurde solche bis 9 Uhr (November!) wo das Zeichen mit der Glocke gegeben wurde, bestimmt und für denjenigen, der nach 9 Uhr noch Bier fordere, eine Strafe von 1 Pfund Wachs, und dem Bruder, der nach 9 Uhr noch Bier zapfe, die doppelte Strafe angedroht, auch solle mit 9 Uhr Spiel und Tanz beendigt werden. Zur Beachtung des Anstandes wurde vereinbart, dass die Brüder bei Tische nach alter Gewohnheit in guter Ordnung sitzen, dass für Knechte und Mägde besonderer Tische anzurichten, und das Tabakrauchen an den Tischen, wo die Geistlichen, Gäste und Brüder sitzen, bei Verordnung einer Strafe von ½ Pfund Wachs untersagt sein solle. Ebenso wurde die Teilnahme an dem Seelenamte, der Prozession und dem Gottesdienste bei Vermeidung einer Strafe von ½ Pfund Wachs eingeschärft, und das Hinwegtragen des Bieres vom Hofe bei willkürlicher Strafe untersagt, sowie die Aufnahme in die Bruderschaft von ehrlichem Herkommen und guter Aufführung abhängig gemacht". Trotzdem ging das Hubertusfest seinem Untergange entgegen. Dazu trug auch die von der hessischen Regierung abgeschaffte Abgabe der Ehrenkuh (richtig: "Herrenkuh") an den Landesherrn bei, die der Kirchenmeister auf S. Hubert zu leisten hatte, wofür derselbe den Niesbrauch der Bruderländer und die Mastnutzung in der Müscheder Mark hatte.

Wie wurde das Hubertusfest begangen? Wie alle alten ursprünglich kirchlichen Volksfeste. Am Hauptfesttage, am 3. November, war am Morgen ein feierliches Levitenamt, das von der Hüstener Geistlichkeit unter Hinzuziehung eines dritten Geistlichen, der die Festpredigt hielt, zelebriert wurde. Am folgenden Morgen war das Seelenamt für die verstorbenen Mitglieder der Fraternität, deren Namen zur Verlesung kamen. Die übrige Zeit der Tage wurde ausgefüllt mit Schmausereien und Trinkgelagen, mit Spiel und Tanz. Dazu kamen noch die Vorfeiern und Nachfeiern. Derartige Bruderschaften hatten vorher gewöhnlich einen "Schmeckedag", an denen die Speisen und Getränke gründlich auf ihre Güte geprüft wurden. Für die Zubereitung des kräftigen Bieres musste jeder der 17 Hofbesitzer von Müschede rechtzeitig einen Spint Gerste liefern. Abwechselnd waren die Hofbesitzer "Kirchenmeister auf S. Huberti", d.h. Festwirt, der für die Zubereitung der Speisen und Getränke Sorge zu tragen hatte. Aus der Kapellenkasse erhielt er 15 Stüber zum Kauf eines Kalbes und 1 Taler für die Zubereitung des Festmahles. Außerdem musste jede Hausfrau einen mit Nahrungsmittel angefüllten Korb dem Wirt abliefern. Die Kirchenmeister suchten sich fortgesetzt zu überbieten, so dass die Feierlichkeiten zu wahren Bachanalien (ausschweifende, zügellose Feste) ausarteten. Drei aufeinander folgende Tage reichten trotz wüster Fresserei und Sauferei nicht aus, um alles zu vertilgen, was geboten wurde.

Den Schluss der Feier bildete der berühmte Müscheder Pfeffertanz. In welcher Weise dieser ausgeführt wurde, weiß niemand mehr. Wir haben uns bei verschiedenen alten Leuten in Müschede Rat holen wollen. Keiner konnte uns näherte Auskunft geben. Einer der ältesten Bewohner von Müschede, der Waldwärter Franz Schulte, dessen Vater noch an der Hubertusfeier teilgenommen hat, war der Meinung, der Pfeffertanz sei mehr oder weniger eine "Sage". Die Festteilnehmer feiern am Abend, nachdem sie dem Bier tüchtig zugesprochen hatten, wild durchs Dorf gesprungen. Der kurfürstliche Kommissar Neesen spricht in einem Bericht vom Jahre 1798 die Meinung aus, "der Pfeffertanz müsse aus dem Heidentum stammen". Er eiferte gegen die Feier und machte den Vorschlag, das Vermögen der Bruderschaft für die Schule einzuziehen, wie das 1826 auch wirklich geschah. In den vierziger Jahren versuchte die Bruderschaft das Vermögen zurückzuerhalten, was ihr auch wenigstens teilweise gelang. Woher der Name "Piperdanz"*** kommt, konnte uns niemand angeben. Ob man ihm mit dieser Bezeichnung verächtlich machen wollte, oder ob der Name mit dem Hasenpfeffer etwas zu tun hat, der bei der Feier gegessen wurde, können wir nicht entscheiden.

Dar Alter der Bruderschaft lässt sich nicht feststellen. Höchst wahrscheinlich ist sie schon um 1100 gegründet von den Burgmannen und Ministerialen der benachbarten Grafen und Herren der Burg Arnsberg, Neheim und Hachen, die hier zum Schutze gegen die Gefahren der Jagd zu Ehren des Schutzpatrons der Jäger die Kapelle erbauten. Wir haben das Bruderschaftsregister durchblättert, das die seit 1450 verstorbenen Mitglieder abgibt und noch alljährlich zweimal – wenigstens teilweise – von der Kanzel verlesen wird. Dasselbe hat der Müscheder Lehrer Hüttemann in der Mitte des vorigen Jahrhunderts hübsch säuberlich angefertigt. Der Sohn desselben war Lehrer in Langscheid und Hachen, der Enkel Pfarrer in und Dechant in Büren. Beide haben wir gut gekannt. "Pastors Papa" starb bei seinem geistlichen Sohne in Büren vor mehr als 20 Jahren, Pfarrer Hüttemann ist ebenfalls bereits verstorben.

Die heutige Kapelle in Müschede ist erst 50 Jahre alt. Der elende Zustand der alten Kapelle veranlasste den Neubau, zu dem auch die Bruderschaft durch den Verkauf von Ländereien beisteuerte. Das Rundfenster über dem Altare zeigt den Schutzpatron als Bischof, während die hübsche neue Kriegerehrung hinten in der Kirche Sankt Hubertus Bekehrung darstellt, die dem Volksempfinden näher kommt. In der alten Kapelle stand auf dem Altare die Bildsäule des Schutzheiligen, geschmückt mit dem Jagdhorn, in der rechten Hand einen von Rost angefressenen Schlüssel haltend. Seissenschmidt berichtet, dass der Hüstener Pfarrer Bering um 1750 die Bildsäule von einem Arnsberger Bildhauer habe anfertigen lassen. Eine zweite sehr alte Statue stand an der nördlichen Wand der Kapelle. Hubertus wurde als Schutzpatron gegen den Biss toller Hunde verehrt. Das Ausbrennen einer solchen Wunde mit dem Schlüssel des Heiligen betrachtete man als das einzige Schutzmittel. Seissenschmidt erzählt, er habe vom Lehrer Hüttemann erfahren, dass früher die Jagdhunde am Feste des hl. Hubert mit dem geweihten Schlüssel zum Schutz gegen die Tollheit gebrannt seien. Zu diesem Zweck habe neben der Kapelle ein Hundestall gestanden, worin die Hunde eingesperrt wurden. Alte Leute hätten sich aus ihren Kinderjahren des schrecklichen Heulens der Hunde noch erinnert, wenn bei ihnen das Mittel zur Verhütung der Tollheit in Anwendung gebracht wurde. Die Bildsäule die ehemals auf dem Altare stand, ist in der Vikarie. Dort wird auch der alte verrostete Schlüssel aufbewahrt, der dem Verfasser dieser Zeilen gezeigt wurde. Alte Frauen in Müschede nähen noch jetzt zum Schutze gegen den Biss toller Hunde ihren Kindern Hubertusbrot in das Zeug. Im übrigen hat das lebende Geschlecht die alten Sitten und Gebräuche seiner Vorfahren fast vollständig vergessen.

Quelle:
F. Menne, Arnsberg, Suerlänner 1926.


Anmerkungen (ADH):


 
 
*
Seissenschmidt, Blätter zur näheren Kunde Westfalens 1871, S. 25 ff
 
  **

Die Bienenwachskerze war in früherer Zeit die einzige Lichtquelle, die statt zu rußen oder zu richen wie Talg oder Tran sogar duftete. Damit war das Wachs ein kostbares Gut, wichtig und unentbehrlich in vielen Lebensbereichen vor allem aber in den Gottesdiensten.
 
***

Hier deutet sich eine Erklärung zum Ursprung des "Pfeffertanzes an. Bereits Wilhelm Voss-Gerling, Mitverfasser der Müscheder Chronik von 1989, sah in in der Bezeichnung "Pfeffertanz" eine mißlungene Verhochdeutschung des plattdeutsch gesprochenen Wortes für Pfeifertanz (= "Piperdanz"). Pfeifergruppen zogen damals in großer Zahl durch das Land und konnten zu besonderen Anlässen auch gemietet werden.

   
   
 
«« | Anfang | Ortsgeschichte | Aktuelles | Startseite