Ortsgeschichte ADH Müschede

 


Die Tollwut und der Müscheder Hubertus-Schlüssel

Eine Sage aus dem Hönnegebiet weiß von einem Höhlenschmied, der von einem großen, tollwütigen Wolfshund gebissen, sich kurzentschlossen die Wunden mit einem rotglühenden Eisenstabe bis auf den gesunden Knochen ausgebrannt haben soll. Dann - so heißt es weiter - habe er sich aus Furcht, er könne in den zu erwartenden Tobsuchts- und Irrsinnsanfällen den Leuten Schaden zufügen, mit Ketten an den eigenen Amboß geschmiedet; er sei aber schließlich durch den andächtigen Gebrauch des Müscheder Hubertus-Schlüssels geheilt worden. Der vom Teufel besessene tollwütige Wolfshund aber, so erzählen die Leute, spuke noch immer in wilden Sturmnächten heulend und jaulend im Balver Walde umher.

Seit hunderten von Jahren ist das periodenhafte Auftreten der Tollwut immer wieder zu beobachten gewesen. Ein anschauliches Bild über eine 1796 im Arnsberger Raum wütende Tollwutepidemie geben uns die bekannten Briefe des Geheimrates Pelzer. Es heißt dort u.a. vom 30.7.1796:

"Hier herrscht eine schreckliche Plage. Die Kühe werden in Mengen rasend. 20 Tiere sind schon totgeschossen, und täglich werden neue tollwütig. Alle Hunde sind eingesperrt. Diese Woche ist eine große Bittprozession zu einer eineinhalb Stunden von hier entfernten Hubertuskapelle (Müschede) gegangen, wo ein feierliches Amt gehalten wurde. An diesem Unheil ist der Kuhhirte schuld. Dieser hatte einen Hund, der von einem rasenden fremden Hund gebissen worden war. Es wurde dem Hirten befohlen, seinen Hund zu töten. Allein der Flegel unterließ es, und nun liegt er selbst krank und der Medikus befürchtet die Wut. Die ganze Herde, etwa 200 Stück Rindvieh, soll angesteckt sein. Mein Diener Mathias war mit auf der Kuhjagd. Er schoß ein rasendes Tier an. Es kam in größter Wut auf ihn zugesprengt. Da hat ein anderer Schütze es glücklich getroffen und getötet."

Am 8.8. schreibt er weiter:

"24 Kühe sind schon eingescharrt. Diese Woche war wiederum eine Bittprozession. Viele Leute trinken weder Milch, noch essen sie Fleisch. Die eingesperrten armen Kühe leiden Not und schreien Tag und Nacht jämmerlich."

Unter dem 19.8. heißt es:

"Über 40 Kühe sind schon getötet. Das Unheil trifft meist arme Leute. Eine neue Kuh kostet 40 bis 50 Thaler."

Wie die eingangs erwähnte Sage andeutet, führte im Mittelalter das Volk diese unheimliche Plage vielfach auf teuflische Einflüsse zurück und bediente sich, da jede menschliche Hilfe aussichtslos war, neben dem Ausbrennen und Ausschneiden der Bisswunden zur Abwehr und Heilung auch oft abergläubischer Besprechungs- und Zauberbannformeln. In Dorlar besaß die Kirche auch früher zur Ausbrennung von Hundebisswunden einen mit Reliquien des heiligen Hubertus berührten und gesegneten großen Eisenschlüssel. Seine Benutzung wurde 1812 von der hessischen Regierung verboten. Trotzdem soll er in Notfällen heimlich weiter gebraucht worden sein.

Ähnliche Verhältnisse bestanden in Müschede. Auch die dortige Kapelle besaß einen Hubertus-Schlüssel dieser Art, der indessen vor etwa 30 Jahren verloren gegangen sein soll.

Quelle:: Heimatbeilage der Westfalenpost, Mai 1956.

 
 
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