Ortsgeschichte ADH Müschede

 

Flurnamen

Wichelner/Müscheder Flurnamen

Die Schatzungsregister von 1592 und 1597 (vgl. Ziff. 2.3) sind Fundgruben zur Flurnamenforschung, aber auch zur Familien- und Hofgeschichte. Sie vermitteln uns die Namen der damaligen Pfand- und Nießbrauchbesitzer und die ihnen überlassenen Wichelner Parzellen mit Angabe ihrer Lage in der Flur, ihrer Größe und Bonität. Nicht immer gelingt es, den Sinn der Namen zu erkennen, den unsere Vorfahren ihren Feldern, Wiesen, Wäldern, Bächen, Sümpfen und Bergen beilegten; oft reichen die Wortschöpfungen weit in die vorgeschichtliche Zeit zurück. Auch die Katasteruraufnahme von 1829 überliefert eine Fülle alter Landschafts-, Orts- und Flurnamen, gibt diese aber mitunter in falscher (eingedeutschter) Schreibweise wieder.

Viele historische Flurnamen sind untergegangen, weil die mittelalterlichen Felder wieder zu Wald wurden, so die Ländereien zwischen dem Teufels-Siepen und dem Kahlebecks-Siepen. Keine Spur findet sich dort mehr von der 19 Morgen großen Rodungsfläche des "Brüll", in der Bedeutung "feuchtes Land", im unteren Bereich des Teufels-Siepens. Auch die Länder des "Großen, Langen und Kurzen Dreisch", wo der Name auf die wechselweise Nutzung als Acker, Grünland oder Brache hinweist, sind wieder aufgeforstet und in ihren ursprünglichen Zustand vor der Rodungsperiode des 9.-12. Jh. zurückversetzt worden. Die nördlich des Brüll liegenden "Potteichen" (= gepflanzte Eichen) geben einen Hinweis auf die damalige Methode der Eichenwaldverjüngung durch Pflanzung.

Dem Großen Dreisch vorgelagert war das wertvolle 22 Morgen große Wiesenland des "Gardenwerdes", eine Zusammensetzung aus dem Wasserwort "gard" und dem Sumpfnamen "werd". Der Mündungswinkel zwischen dem Kahlebecks-Siepen (= offengehaltenes Siepen wegen seiner 6 Fischteiche) und der Ruhr hießen "Schwarze Waage", wo das alte Wasserwort "waag" für Moder, Sumpf steht.

Nach dem Parzellenregister der Wichelner Verkaufsurkunde von 1726 lag der 3 Morgen große "Potthof", der Obstbaumhof des Gutes Wicheln, "oberhalb und unterhalb" der Wichelner Kapelle. An Hand der Parzellenstruktur der Katasteruraufnahme glauben wir, den Standort des Baumhofes lokalisieren zu können: er lag um den heutigen Bildstock herum nördlich des Gutes.
Ungeklärt ist der Standort des "groten hoff´s to Wichel", der zwischen 1504 und 1538 einging. Im Jahre 1504 hatte Johann v. Thülen den Hof dem Toniß Thonen verpachtet.

Aus dem Vertragstext geht hervor, dass die Markenberechtigung des großen Hofes der des Müscheder Schultenhofes entsprach. Weil letzterem ein Scharamt anklebte, konnte Hans Friedrich v. Ledebur im Markenprozess 1624 für seinen großen Hof das Scharamt erfolgreich behaupten, das seit 1538 dem Wicheln zugehörigen Brakenhof beigelegt worden war.

Südwestlich des Wichelner Gutshofes erstreckte sich der 15 Morgen große "Hünschlän", richtig geschrieben "Hohenschlah", vielleicht zu deuten als "hoher Schlag", ein Ackerland 1. Klasse, der Morgen zu 35 Reichstaler bewertet. Im Jahre 1592 war der Hohenschlah dem Albert v. Bockum gen. Dolphus zu Soest zusammen mit noch weiteren Wichelner Parzellen verpfändet.

In der Wichelner Heide westlich des Kahlebecks-Siepens befand sich der, vermutlich in der Soester Fehde 1444-49, untergegangene Wohnplatz "Heukens Haus" mit dem anliegenden "Heukenhauser Feld", das die Jagddistriktkarte von 1733 zeigt. Das Hofland des kurfürstlichen Heuken-Gutes zersplitterte, sein Herzstück war der 20½ preußische Morgen große "Voß-Kamp", den die Gipperische Karte von 1792 unterhalb des Arnsberger Weges zeigt. Die topographische Lage der Hofstätte des Heuken-Gutes können wir mit einiger Zuverlässigkeit anhand der 11 Soester (14 Preußische Morgen) großen Ackerfläche Nr. 48 bestimmen, die Bernhard Schäfer 1726 beim Verkauf des Gutes Wicheln innehatte und von der es heißt, dass sie "am Heukens-Haus" liegt (AFH 5846). Diese Ackerfläche war identisch mit den Schäferschen Parzellen 48, 50, 55, 68 und 69 der späteren Katasteraufnahme. Somit standen die Gebäude des Heuken-Gutes oberhalb des Arnsberger Weges, wo die Gipperische Karte eine rechteckige, dem Voß-Kamp zugehörige Fläche verzeichnet, die bei der Katasteruraufnahme im Jahre 1829 als eigenständige Parzelle Nr. 35 ausgeschieden wurde (Eigentümer Koch, später Rosenbaum). Zu späterer Zeit wurde am Platz des Heuken-Gutes die heutige Scheune errichtet.

Auch die alte "Sauerländische Landstraße", deren Trasse noch um 1700 von der Müscheder Schweinebrücke (an der B 229) aus hinter dem Hof Schulte-Weber vorbei über die Steinbergstraße und den Spreiberg nach Hüsten führte, geriet in Vergessenheit. Oberhalb der Flammbergsiedlung sind ihre tief in das Gelände eingeschnittenen Fahrspuren deutlich zu erkennen. Mit der Wiedererschließung des alten Wichelner Bergbaus am Spreiberg durch Christian v. Fürstenberg im Jahre 1738, mit dem Bau der Schmelzhütte (heutiges Steinhaus an der alten B 229) und der Anlage eines neuen Fahrweges dorthin ist die Sauerländische Landstraße in das Röhrtal verlegt worden. Als Christian versuchte, dort (als Ausgleich für seine Wegebauaufwendungen) eine Wegezollstelle einzurichten, untersagte ihm das 1750 der Kurfürst (AFH). Endgültig ausgebaut wurde die Röhrtalstraße erst 1810 in hessischer Zeit.
Viele historische Namensschöpfungen sind in ihrer heutigen Schreibweise so verändert, entstellt oder verfälscht worden, dass ihre Deutung schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist. Beispiele dazu sind der Name "Mollhaufen", richtig "Mühlhöpe", vielleicht ein Hinweis auf eine frühere Mühle im Brüßmecke-Siepen; ferner das Land die "Haseneiche", in richtiger Schreibweise "Hasenreiche", wegen der vielen dort anzutreffenden Hasen; auch die "Kronenbredde", richtig "Frohnenbredde", das streifenförmige (breite) Land des Dorffrohnen (Gerichtsdiener); ebenso der "Herzkamp", sein Altname ist "Hirschkamp"; oder das "Schwanen Auge", eine Verballhornung von "Schwanohl"; auch die Wiese "Vockenbruch", richtig "Forkenbruch", die zerbrochene Forke beim Heumachen.

In den Tälern finden sich Flurnamen mit der Endung Ohl = Wiesengrund, so das "Schwanohl", im "0hle" und das "Moddenohl". Letzteres ist eine Zusammensetzung aus "modde" = feucht (schlammig) und Ohl und bedeutet somit "feuchtes Wiesenland".

Im Markendistrikt "Ruhrufer" liegt das "Stippsche Geer", ein sumpfiges Rodungsstück (wo "ger" = Sumpf, Moder meint) das den Namen des Eigentümers Johann Kerkhoff genannt Stippe trägt (AFH 1204); dieser erscheint erstmals im Vermessungsprotokoll der Wichelner Pfandparzellen vom Jahre 1592 (AFH 7175, S. 350).

Unsicher ist die Deutung des Namens der Wichelner Mühle im "Hudenborn", die 1371 erstmals erwähnt wird. Der erste Namensteil "Huden" könnte = "verbergen, verstecken" sein, die Endsilbe "Born" bedeutet "Quelle". Der Mühlenname "versteckte Quelle" wird durch die topographisch-morphologische Struktur der Örtlichkeit bestätigt.

Das vom Spreiberg zur Ruhr herunterfließende Siepen, die "Sülbecke", bildete bis zur Kommunalen Gebietsreform 1975 die Gemeindegrenze zwischen Hüsten und Müschede. Die Sülbecke spielte eine wichtige Rolle im Hüstener/Wichelner Hudeprotokoll vom Jahre 1665. "Sülbecke" bedeutet sumpfiger Bach; "sul" (vgl. Suhle) ist eine Variante zu "sal" = Sumpf, Schmutz (lateinisch saliva = Speichel).
Die "Schäpers Teiche" unterhalb des Forsthauses am Kahlebecks-Siepen sind der Restbestand der mittelalterlichen Forellen- und Karpfenteichanlagen des Gutes Wicheln. Die ursprünglich aus 6 großen Teichen bestehende Teichwirtschaft war schon zu Anfang des 16. Jahrhunderts verfallen.

Quelle:
Dr. Ferdinand Voss: Gut Wicheln, Ausführungen zur Wirtschafts- und Baugeschichte im 16.-19. Jahrhundert, Arnsberg, 2009


 
 
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