Ortsgeschichte, St. Hubertus-Bruderschaft ADH Müschede

 
Die Geschichte bis 1850 (1)
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Die historische St. Hubertus-Bruderschaft bis 1826

Die beiden ältesten Nachrichten über die Müscheder Kapelle stammen aus dem Jahre 1484. In diesem Jahre, zur Zeit des Hüstener Pastors Freseken, wurde eine monatliche Messe in Müschede gestiftet. Der Pastor erwarb damit das Recht, zwei Schweine zur Mast in die Müscheder Mark zu treiben (Höynck, Geschichte der Pfarreien des Dekanats Arnsberg, Seite 419; leider gibt der Verfasser nicht an, wo er diese Nachricht gefunden hat). Die zweite Nachricht aus dem Jahre 1484 findet sich in dem Mastregister der Müscheder Mark von 1484, in dem Sant Hupertz gut, also ein dem hl. Hubertus (das heißt: der Hubertuskapelle) gehöriger Hof, genannt wird. Die Existenz der Hubertuskapelle ist damit für das Jahr 1484 eindeutig bewiesen. Der Umstand, daß erst in diesem Jahre eine monatlich zu lesende Messe gestiftet wird, könnte ein Hinweis darauf sein, daß die Kapelle zu dieser Zeit noch nicht lange bestand.

Die ältesten Nachrichten über die Hubertusbruderschaft fallen in etwa mit denen über die Hubertuskapelle zusammen. Es gibt zur Zeit mehrere Mitglie- derverzeichnisse der Hubertusbruderschaft, die zum mindesten in ihren älteren Angaben auf ein nicht mehr auffindbares, im Jahr 1450 angelegtes, Original- verzeichnis zurückgehen.

Der oder die Gründer der Hubertusbruderschaft werden im Mitgliederverzeichnis nicht genannt, es sei denn, man dürfte die Eintragung, die sich im Verzeichnis hinter dem Namen Godert dey Wrede tho Rederen befand, aber durch einen Flecken unleserlich geworden war, als fundatoris filius (Sohn des Gründers) lesen, wie es 1938 ein Archivar des Staatsarchivs Münster vorschlug (von anderen Archivaren abgelehnt). Es ergibt sich dann allerdings sogleich die Frage, ob unter fundator der Gründer der Hubertusbruderschaft oder der Gründer (Stifter) der Hubertuskapelle verstanden werden muß. Die Verbindung zwischen Bruderschaft und Kapelle ist von den ersten Nachrichten an so eng, daß beide Möglichkeiten ins Auge gefaßt werden müssen. Da es nun aber einigermaßen unwahrscheinlich ist, daß ein einzelner und überdies ziemlich unbedeutender Adliger eine religiöse Bruderschaft gründete (man kann hier nicht zum Vergleich adlige Ordensgründer wie Ignatius von Loyola heran- ziehen), wird man bei dem fundator eher an den Gründer der Kapelle denken müssen. Der Gründer der Bruderschaft oder derjenige, der ihre Gründung angeregt hat, muß daher wohl in geistlichen Kreisen gesucht werden, und bei dieser Suche stößt man natürlich wieder auf den Schreiber des Mitglie- derverzeichnisses. Die Art, wie er das Verzeichnis geführt hat (später ist es sehr oberflächlich geführt worden), läßt auf ein besonders enges Verhältnis zur Bruderschaft schließen.

Daß ein Geistlicher bei der Gründung der Hubertusbruderschaft eine entschei- dende Rolle gespielt hat, ergibt sich auch aus den bereits erwähnten Ziel- setzungen der Bruderschaft. Nach ihren Zielsetzungen ist die Müscheder Hubertusbruderschaft den Kalandbruderschaften an die Seite zu stellen, die, vielfach im späten 14. Jahrhundert gegründet und besonders ab etwa 1450 neubelebt (Seibertz UB Nr. 865, Text und Anmerkung), ursprünglich Verei- nigungen der Geistlichen der einzelnen Dekanate waren, bald aber auch Laien aufnahmen und nicht zuletzt dadurch zur Gründung fast reiner Laienbru- derschaften anregten. Diese Kalandbruderschaften hatten ihre Kalandfeier, die mit dem Hubertusfest der Müscheder Hubertusbruderschaft verglichen werden kann. Auf beide traf später zu, daß die Pflege der Geselligkeit wichtiger wurde als die Verfolgung der religiösen Zwecke, daß aus der kleinen Bewirtung (Traktament) zur Kalandfeier oder zum Hubertusfest ein Gelage wurde.

Wir fassen zusammen: Die Müscheder Hubertusbruderschaft wurde wahr- scheinlich um 1450 als eine religiöse Laienbruderschaft (unter geistlicher Leitung) gegründet, und zwar möglicherweise auf Anregung des Mannes hin, der die ersten Blätter des Mitgliederverzeichnisses geschrieben hat. Die Gründung stand in engstem Zusammenhang mit der Errichtung der Huber- tuskapelle. Die Bruderschaft war im Prinzip eine rein Müscheder Institution und als solche, Trägerin der Hubertuskapelle.

Am 18. Juni 1766 beschlossen die Hubertusbrüder auf dem Kapellenhof, auf dem alljährlich die "Rechnung abgehalten" wurde (Jahresrechnung), daß die Bruderschaft "nach altem Fuß gehalten werden" solle (in ursprünglicher Weise weiterbestehen solle). Es kam zu einer Reform der Bruderschaft und des Hubertusfestes in den Jahren 1766/67. Dabei ging es in erster Linie wohl um eine Neugestaltung des unterhaltenden Teils des Hubertusfestes. Die erhalten gebliebenen Nachrichten befassen sich fast ausschließlich mit Fragen des Essens und Trinkens. So bestimmen die Hubertusbrüder für das Jahr 1767, daß die Brüder Petersmann und Aßheuer, die die Bruderschaft "halten", von Michel folgende Beisteuer erhalten sollen: einen Schinken von 12 Pfund, 2 Mütte Gerste, ein Stück gutes, trockenes Rindfleisch, einen Käse und eine Rolle Butter. Diese Beisteuer soll geleistet werden, bis der Weber die Bruderschaft "halten" wird, und diesem soll dann das ganze Dorf helfen. Der Entlastung der die Bruderschaft "haltenden" Brüder diente ein Beschluß vom 27. Juni 1781, nach dem der erste Bruder nur noch drei Paar Gäste, der zweite Bruder nur noch zwei Paar Gäste "betten" sollte, "damit die Brüder im Essen und Trinken besser können bewirtet werden". Auf dem Hubertusfest, das aus Witte- rungsgründen statt im November an drei Tagen in der zweiten Junihälfte gefeiert wurde, war das Tabakrauchen an den Tischen der Geistlichen, Gäste und Brüder verboten (Strafe bei Zuwiderhandlung: ein halbes Pfund Wachs). Spiel, Tanz und Bierausschank mußten um neun Uhr abends aufhören. Die Teilnahme am Festgottesdienst, an der Prozession und am Seelenamt war Pflicht (Strafe bei Nichtteilnahme: ein halbes Pfund Wachs).

Trotz dieser Reformbemühungen ist es vor allem gerade nach der Reform von 1766/67 zu den Auswüchsen gekommen, die schließlich 1825/26 das Ende der Bruderschaft herbeiführten. Die Festlichkeiten konzentrierten sich mehr und mehr auf ein großartiges Festessen, das sogenannte Traktement, und die dieses Essen umrahmende Unterhaltung, in der bei der Bewertung der Huber- tusfeierlichkeiten durch ihre Gegner der sogenannte Pfeffertanz eine besondere Rolle spielte. Er wurde als ausschweifend bezeichnet und stellte somit den Höhepunkt des Ungehörigen dar. Es ist aber auch denkbar, daß der Tanz nicht Pfeffer-, sondern Pfeifertanz genannt wurde, weil die Müscheder nach den Klängen einer Pfeifergruppe tanzten (solche Gruppen gab es damals in großer Zahl und konnten gemietet werden). Die Bezeichnung Pfeffertanz kann also eine mißlungene Verhochdeutschung des plattdeutsch gesprochenen Wortes für Pfeifertanz gewesen sein. In den von dem bereits erwähnten Müscheder Lehrer Hüttemann mitgeteilten und von Seissenschmidt übernommenen Überlieferungen gibt es weitere derartige Mißverständnisse. So werden zum Beispiel die Kirchenmeister (Provisoren) der Hubertuskapelle zu Küchenmeistern gemacht und daraus falsche Schlüsse hinsichtlich der Rolle der Kirchenmeister gezogen. Aus den Herrenkühen, die in einem 17jährigen Turnus von den 17 alten Höfen und Kotten Müschedes dem Kurfürsten geliefert werden mußten, macht Hüttemann Ehrenkühe; eine solche Ehrenkuh mußte angeblich für das Traktement zur Verfügung gestellt werden, und der jeweilige Lieferant erhielt für das jeweilige Jahr die Bruderländer (Ländereien der Hubertusbruderschaft) zur Nutzung. Hier sind Dinge durcheinandergeraten, die nichts miteinander zu tun haben. Die Kuhabgabe an den Kurfürsten betrifft in keiner Weise das Kalb, das alljährlich für das Essen am Hubertusfest angeschafft wurde (meist aus dem Stall eines Hubertusbruders, der dafür entsprechend bezahlt wurde).

Was man auch von den von Hüttemann und Seissenschmidt überlieferten Vorwürfen bagatellisieren und sogar streichen mag, es blieben offensichtlich genug Gründe für den Landrat, den Hüstener Pfarrer Lohne und einen Teil der Müscheder Gemeindevertretung, der Hubertusbruderschaft durch Wegnahme ihrer Grundstücke die Existenzgrundlage zu nehmen (1825/26). Diese Entschei- dung wurde zwar später revidiert, aber die Geschichte der alten Hubertus- bruderschaft endete 1826 (Akten im Pfarrarchiv St. Petri, Hüsten).



  Quelle:
Wilhelm Voss-Gerling,
Müschede - eine Chronik,
Kolpingsfamilie Müschede, 1989
 
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